Homosexualität im Fußball: Nur eine Scheintoleranz?

In einem Interview mit der Zeit hat sich mit Thomas Hitzlsperger erstmals ein deutscher Fußballnationalspieler zu seiner Homosexualität bekannt. Ein mutiger Schritt in die richtige Richtug. Gerade im Internet sind die Respektsbekundungen groß, auf Facebook schießen die Like-Klicks in die Höhe, auch im Ausland fand das Bekenntnis Beachtung (siehe u.a. The Guardian, The TimesLe Monde).

Angesichts dessen könnte man nun behaupten: Es sei doch alles gar kein Problem. Das Coming-Out ist passiert, alle finden es toll. Friede, Freude, Eierkuchen. Doch da macht man es sich wohl zu einfach.

Ich denke hier insbesondere an die kommunikationswissenschaftliche Theorie der Schweigespirale. Nach dieser ist das öffentliche Bekennen von Meinungen zumeist abhängig von einer vorherrschenden Mehrheitsmeinung. Homosexualität und Fußball scheint ein Paradebeispiel dafür zu sein – gleich in doppelter Hinsicht. So enthält der Zeit Artikel folgenden Absatz:

Er habe sich immer wieder über die Widersprüche geärgert, die in der Fußballwelt im Umgang mit Homosexualität aufgebaut würden. Der Profisport sei ein absolut harter Leistungssport: „Kampf, Leidenschaft und Siegeswille sind untrennbar miteinander verknüpft“. Das passe nicht zu dem Klischee, das sich viele Leute von einem Homosexuellen machten, nämlich: „Schwule sind Weicheier.“

Hitzlsperger sagt: „Ich habe mich nie dafür geschämt, dass ich nun mal so bin“. Trotzdem seien die Sprüche der Kollegen nicht immer einfach zu ertragen gewesen. „Überlegen Sie doch mal: Da sitzen zwanzig junge Männer an den Tischen und trinken. Da lässt man die Mehrheit gewähren, solange die Witze halbwegs witzig sind und das Gequatsche über Homosexuelle nicht massiv beleidigend wird.“

Die vorherrschende Meinung unter Fußballprofis über Homosexuelle scheint klar. Und so lange man sich als schwuler Fußballer in diesem Mikrokosmos bewegt, scheint ein Ausbrechen schwierig. Hitzlspergers Vorstoß könnte nun Stein des Anstoßes sein, ein Allheilmittel, dass das Problem quasi über Nacht aus dem Weg schafft, ist er aber naturgemäß nicht.

Anders die öffentliche Meinung. Anders als im Mikrokosmos Fußball, ist in der westeuropäischen Gesellschaft an sich Homosexualität anerkannt. Wer sich gerade jetzt öffentlich negativ oder beleidigend über Hitzlsperger äußern würde, riskiert eine Welle der Entrüstung. Aber nur, weil solche Meinungen öffentlich nicht geäußert werden, heißt das nicht, dass sie nicht existieren. Und hier liegt die Krux.

Die positiven Reaktionen, die Hitzlsperger hervorgerufen hat, heißt nicht, dass das Thema Homophobie im Fußball beendet es ist. Es ist nur zunächst unter den Teppich gekehrt. Prinzipiell besteht gar die Gefahr, dass in den Köpfen einiger Homophober eine Reaktanz einsetzt, das heißt, die Einstellung wird durch das vermeintliche Verbot, sie öffentlich zu äußern, nur noch verstärkt.

Der Prozess Homosexualität und Fußball ist noch lange nicht beendet. Thomas Hitzlsperger hat als Vorreiter nun einen richtigen Weg eingeschlagen. Dieser ist aber länger, als es momentan aussehen mag, und er ist noch nicht gegangen.

Bildrechte: calciostreaming

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Ein Gedanke zu “Homosexualität im Fußball: Nur eine Scheintoleranz?

  1. Kein schwuler und aktiver Fußballer würde sich je outen, wenn er nicht den Verstand verloren hat. Was wäre wohl passiert, hätte Hitzlsberger sich 2007 nach dem Gewinn der Meisterschaft mit Stuttgart geoutet? Das wäre dann sein letzter prominenter und zahlungskräftiger Arbeitgeber gewesen. Die oberflächliche Akzeptanz für homosexuelle Spieler ist schon gegeben, aber der Schein lässt sich auch leicht behalten, wenn es einen nicht unmittelbar betrifft. Homosexualität ist noch zu sehr tabuisiert, alsdass sich Vereine auf solche Verpflichtungen einlassen würden. Insofern ist das nichts weiter, als ein Tropfen auf einem heißen Stein.

    Ich biete auch eine Wette an, dass es in den nächsten 10.Jahren keinen homosexuellen Spieler in der ersten Fußballbundeliga geben wird, der sich outet, noch aktiv spielt und unter 30 Jahre alt ist.

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