Veggieday: Pro & Contra

Pro Veggieday

von Benjamin Schaller

Als Bevormunderpartei wurden die Grünen bezeichnet, da sie einen bundesweiten fleischfreien Tag vorschlugen. Der deutsche Durchschnittsbürger schien sich in seiner Freiheit erheblich verletzt, da er einmal pro Woche auf Schnitzel, Wurst oder Schweinebraten verzichten sollte.

(an dieser Stelle würde es zu weit führen, über das fehlgeleitete Freiheitsbild derjenigen auszuholen, die bei einer Fleischportion weniger pro Woche ihre Grundrechte erschüttert sehen, die Massenüberwachung jedoch nicht im besonderen juckt)

Ob ein Mensch sich grundsätzlich vegetarisch oder vegan ernähren will, soll und kann jedem selbst überlassen sein. Ich persönlich komme mit dem Fleischessen gut klar. Ich finde es natürlich, Fleisch zu essen, es schmeckt mir und ich sehe es auch als wichtigen Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung an.

Dennoch unterstütze ich den Veggieday, und zwar aus folgenden Gründen:

Gesundheit

Wie gesagt, Fleisch gehört für mich zu einer ausgewogenen Ernährung dazu. Aber nicht nur. Und nicht jeden Tag. Irgendwann in der Vergangenheit muss es mal so gewesen sein, dass der Sonntagsbraten ein ganz besonderes Stück Fleisch war, auf das man sich freuen konnte, das mit Genuss verspeist wurde. Es scheint mir erstrebenswert, dahin irgendwann wieder hinzukommen. Fleisch von guter Qualität bewusst genießen.

Moralische Gründe

Nein, nicht etwa in der Richtung „Fleischessen ist Mord“. Es geht mir um das Thema Massentierhaltung. Dass es diese überhaupt gibt, ist in unserem kapitalistischen System nur eine Folge des offenbar übermäßigen Fleischkonsums. Viele Menschen interessiert es nicht sonderlich, da sie den Umgang mit den Tieren wenn überhaupt nur vom Hörensagen kennen, und wenn am Ende ein verlockend duftendes Brathähnchen auf dem Teller landet sind auch die letzten Gedanken daran schnell wieder vergessen. Antibiotika kann man schließlich nicht riechen.

Was den Menschen vermutlich von vielen anderen Tierarten unterscheidet: Er kann Empathie für anderen Spezies empfinden. Und er kann um die Ecke denken. Rein theoretisch wäre es also möglich, dass Problem Massentierhaltung ins Bewusstsein einer gehörigen Anzahl von Menschen zu rufen. Und dass diese moralisch verwerflich ist, darüber muss an dieser Stelle glaube ich nicht diskutiert werden.

Ernährungspolitik

Etwa ein Siebtel der Weltbevölkerung ist unterernährt. Dennoch ist es im Kapitalismus scheinbar nach wie vor ein Teil des Lebensgefühls, im Überfluss zu leben. Dabei landet auch jede Menge Essen im Müll. Die Erdbevölkerung wächst exponentiell, solche Probleme werden in Zukunft nur weiter ansteigen. Rein formell betrachtet müsste es Unterernährung im Moment aber überhaupt nicht geben. Es ist genug Nahrung da – sie ist nur ungleichmäßig verteilt. Der übermäßige Fleischkonsum eines Teils der Erdbevölkerung trägt jedoch gehörig zu dieser Fehlverteilung bei. Eine Verkürzung der Nahrungskette durch mehr pflanzliche Ernährung des Menschen könnte für die weltweite Ernährungsproduktion und -verteilung einen starken Effizienzaufschub bringen.

Umweltschutz

Die Massentierhaltung ist nicht nur für die Tiere schlecht, die direkt unter ihr leiden. Auch unserem Planeten selbst wird nicht gut getan. Etwa 16 % der Treibhausgase aus Deutschlands Landwirtschaft kommen aus der direkten Rinderhaltung – alle indirekten Verbindungen noch gar nicht mit einberechnet. Hinzu kommt der unverhältnismäßig hohe Wasser- und Landverbrauch.

Fazit

Der Veggieday ist natürlich kein Allheilmittel für all diese Punkte. Aber er erscheint mir als sinnvoller, vernünftiger Schritt in die richtige Richtung. Natürlich, in einer idealen Welt wäre eine solche Vorschrift gar nicht erst nötig. Aber an diese ideale Welt glaube ich leider nicht. Stattdessen muss ich feststellen, dass bei vielen Menschen eine Fehlinterpretation ihrer Freiheit vorliegt. Nämlich dass sie sich die Freiheit nehmen, unverantwortlich zu leben. Das ist tragisch, schließlich kann so etwas wie Verantwortung doch nur dann entstehen, wenn Freiheit gegeben ist.

Contra Veggieday

von Denny Neidhardt (batrepreneur.com)

In Deutschland leben ca. 6.Millionen Vegetarier. Ich fürchte, dass die „Dunkelziffer“ deutlich höher liegt. Jetzt, nachdem vor einigen Jahren ein Veggie Day in Bremen, Bla und Blub eingeführt worden ist, wollen die Grünen den fleischlosen Tag auch gesetzlich auf Bundesebene durchbringen. Eine Anmaßung.

Für meine Argumentation hätte ich es mir an dieser Stelle ziemlich einfach machen können. Ich hätte eine weiche Position beziehen und schreiben können, dass ich die ideologischen Motive des Vegetarismus löblich finde (was ich teilweise tue), aber letztenendes die individuelle Freiheit und Entfaltung des Menschen nicht eingeschränkt werden darf, was jedoch mit der Veggie Day Bewegung kontakariert wird, und diese deshalb abzulehnen gilt.

Doch dann las ich mir ein paar Quellen zum Veggie Day durch und musste feststellen, dass die meisten Veggieday-Initiativen sich von einer ethischen Argumentation, für Veganismus oder Vegetarismus, distanzieren. Warum? Sind doch die Befürworter dieser Initiative genau in dieser Öko-Klientel zu finden.

Der Grund ist einfach: Man will sich der Hauptdebatte um Vegetarismus entziehen beziehungsweise die Angriffsfläche verringen. Deshalb argumtiert man, dass sich Veggieday-Initiativen eher an den Umweltbewegungen orientieren, als an tierethischen Bewegungen. Für mich ist das anerkannte Heuchelei und Ausweichen auf grundsätzliche Debatten, ob wir weniger Fleisch essen sollten.

Modebewegung Öko

Mir sind die Argumente bezüglich Vegetarismus und Veganismus hinlänglich bekannt. Deshalb möchte ich alle Argumente bezüglich Massentierhaltung, Umweltbelastung und Hormontabletten mit drei Worten beenden: Ich liebe Fleisch! Ich genieße es in fast allen Formen und Farben. Sicherlich gibt es auch Tage, an denen ich keine Fleischprodukte esse. Die Tage sind bestimmt rar, aber es gibt sie. Doch wenn ich mich dafür „entscheide“ kein Fleisch zu essen, dann ist es nicht bewusst. Es passiert ohne, dass mich ein Zwang dafür reglementieren muss.

Andere lieben Fleischverzicht. Damit kann ich leben. Viele in meinen Augen tun es aber nicht für sich selbst, zum Beispiel durch oft angebrachte Gesundheitsaspekte, sondern für ihre Erscheinung, da „Öko sein“ ein Ventil für Individualität und Pseudo Neoliberalität geworden ist, so wie es früher bei den Grünen aus den 80 Jahren das nicht rasieren im Intimbereichs war. Pech, dass man heute schon als Anarcho gilt, wenn man CSU wählt.

So findet man das heutige „Öko-Bewusstsein“ vorrangig in einer jener Öko-Läden, wo die Leute sich Dinkelbrote kaufen, Gluten-freien Joghurt oder Laktose-freie Milch und dabei Bionade saufen. Dabei ist Milch doch nichts anderes als PURE Laktose. Auch das Bionade mittlerweile zu Dr Oettker gehört, wissen diese Öko-bewussten Weltverbesserer natürlich nicht. Dieses Gutmenschengetue mit dem wesentlichen Blick fürs Unscharfe geht mir tierisch(!) auf den Senkel.

Denn damit entlarven sich die „grünen Erziehungsdiktatoren“ als millitante Ahnungslose. Gerne höre ich auch „Ich würde ja komplett vegetarisch leben, ABER hin und wieder eine Roullade von Oma geht schon..“ oder auch „Ich würde ja vegan leben, ABER ich kann es mir momentan nicht leisten so zu leben..“. Diese Sätze stammen dann auch meistens von denen, die auch schon aussehen wie ein halbes Fladenbrot im Wind. Der Mensch braucht Proteine. Der Mensch braucht Fleisch. Und Fleisch wächst halt nicht auf Bäumen.

Insofern ist auch der Veggie Day nicht anderes als eine Diktatur des Gutmenschentums im 21.Jahrhundert. Leute, die Bewusstsein vorgaukeln und moralische Lücken für sich interpretieren. Wenn ich meinen Beitrag zur Umwelt leisten möchte, dann mache ich das auch ohne Fleischverzicht. Wenn ich meinen Beitrag nicht leisten will, dann lasse ich es eben sein. Doch die Freiheit über meinen eigenen Willen selbst zu entscheiden, darf nicht abgesprochen werden. Wer toleriert werden will, muss auch selber Toleranz beweisen. Ein aufoktroyierter Fleischverzicht zeigt nur die mangelnde Toleranzfähigkeit einer Minderheitengruppe auf, die den Lobbyismus bedienen will. Diesen gilt es zu bekämpfen und einen Veggie Day abzulehnen.

Bildrechte: michischmitt

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6 Gedanken zu “Veggieday: Pro & Contra

  1. Spannendes Thema, auch wenn ich als Gegner des Veggie-Days Dennys Argumentation nicht befürworte. Denn der Veggie-Day einerseits und bewusstere Ernährung und das neue Öko-Bewusstsein (ich lebe „Bio“) andererseits sind für mich zwei unterschiedliche paar Schuhe. Ich kenne genug Vegetarier, die auf Dinkelbrot und Öko-Läden verzichten. Übrigens fordern die Grünen nicht die gesetzliche Einführung, sondern geben eine Empfehlung an große Kantinen ab. Das ist keine Bevormundung, sondern die Möglichkeit den Fleischkonsum einzuschränken. Am Ende entscheiden die Unternehmen bzw. Betreiber der Kantine selbst.

    An sich stimme ich Bennys Argumenten voll und ganz zu, halte den Veggie-Day aber für den falschen Ansatz. Die Subventionierung von Fleisch muss aufhören, Fleisch muss wieder ein Genussmittel werden (Stichwort Sonntagsbraten) und das muss sich auch im Preis widerspiegeln. Denn wenn man aus dem Kapitalismus irgendwas lernen kann, dann das man über den Preis auch die Nachfrage regeln kann. Immer wieder empfehlenswert ist auch Hagen Rether zum Thema: http://www.youtube.com/watch?v=sHNY1Xt-Y-o

    „Ich liebe Fleisch! Ich genieße es in fast allen Formen und Farben.“ Diesen Satz unterschreibe ich in jedem Fall.

  2. Ach Aaron, klar sind das zwei unterschiednliche paar Schuhe. Dennoch laufen die ziemlich eng und gut beeinander.
    MIt dem Argument der gesetzlichen Einführung hast du recht, eine Bevormundung bleibt es aber trotzdem.

    Also das einzige was mich der Kapitalismus gelehrt hat ist, dass es ein von Gier und Egoismus angetriebenes System ist, welches Täter und Opfer anonymisiert. Wie siehst du das Benny?
    Hagen Rether ist genial, hab ihn selbst auch schon live gesehen. Aber meine Argumentation würde ich trotzdem nicht vom Standpunkt eines Kabarettisten aufbauen.

    • Dein Satz zum Kapitalismus ist gut, den muss ich mir merken. Auch wenn ich den Verdacht hege, dass du nicht der eigentliche Urheber bist.

    • Auch wenn wir den Kapitalismus nicht mögen, müssen wir so lange wir in/mit ihm Leben ein Stück nach seinen Spielregeln spielen. Das ist in diesem Fall recht einfach: Subventionen für Fleisch abschaffen, artgerechte Tierhaltung gesetzlich festschreiben und sämtliche Mehrkosten auf den Verbraucher übertragen.

  3. Pingback: Pro & Contra Themenvorschläge | inwiefern

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