Glenn Greenwald und der Journalismus

Vor wenigen Wochen gab Glenn Greenwald, der für den britischen Guardian durch die Zusammenarbeit mit Edward Snowden die Überwachungsaffäre ins Rollen brachte, der Zeit ein Interview. Dieses enthielt einige bemerkenswerte Passagen.

Eine der Hauptaufgaben der Presse besteht meiner Meinung nach darin, jenen Menschen Öffentlichkeit zu bieten, die vertraulich auf Fehler in ihren Organisationen hinweisen wollen. […] Diese Leute müssen mit Journalisten frei sprechen können, ohne überwacht zu werden. In einem Überwachungsstaat, wo alle Metadaten und jeder Content gesammelt werden kann, fühlen sich Informanten nicht mehr imstande, mit der Presse zu sprechen. Das macht es Journalisten unmöglich zu arbeiten.

Hier zeigt Greenwald eine der großen Gefahren der Totalüberwachung auf. Personen, die für das Thema wenig Interesse zeigen, begründen dies häufig mit der fehlenden Relevanz für ihren privaten Alltag. Man habe ja nichts zu verstecken, es diene der Sicherheit, und von dem ganzen würde man ohnehin nichts mitbekommen. Dies ist sehr kurzfristig und mit beschränktem Horizont gedacht. Versucht man sich die Auswirkungen der Totalüberwachung über den persönlichen Empfang und Versand von Emails hinaus zu denken, fällt es nicht schwer, die Bedrohung zu erkennen. Die Totalüberwachung setzt eine Grundlage für Unrecht, eine Aufdeckung und sich daraus ergebende Bekämpfung wird erheblich erschwert. Nicht umsonst ist in Deutschland Privatsphäre (Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG; siehe auch Art. 10 & Art. 13 GG) als Schutzrecht des Bürgers gegen den Staat im Grundgesetz verankert, ebenso wie die Freiheit der Presse (Art. 5 GG). Dass staatliche Repressionen jedoch keine Hirngespinste von paranoiden Journalisten sind, zeigt das Verhör von David Miranda (Lebensgefährte von Greenwald) auf dem Flughafen Heathrow sowie die angeordneten Vorgänge gegen den Guardian.

Einer der Gründe, warum so viele Medien scheitern und das Vertrauen ihrer Leser und Zuseher verlieren ist die mangelnde Distanz der Journalisten zu den Mächtigen. Die Medien kommen den Regierenden zu nahe, werden Teil der Macht. Internationale Konzerne haben die besten Medienunternehmen gekauft und sie wollen die Macht nicht mehr hinterfragen oder kritisieren, sondern sie wollen die Mächtigen stützen. Die Leute, die in großen Konzernen an der Macht sitzen, haben gelernt, sich zu arrangieren. Es hat sich die Natur, die Seele des Journalismus radikal geändert. Journalisten sind nicht mehr eine „Outsider-Insurgent-Force“, also eine aufständische Macht der Außenstehenden.

Etwas plakativ ausgedrückt könnte man also zusammenfassen: Der Kapitalismus hat dem Journalismus ein Stück seiner Unabhängigkeit genommen.

Das geht nicht. Menschen sind nicht distanziert. Alle Journalisten sind Aktivisten. Sie vertreten doch alle Interessen und Einschätzungen. Für mich besteht die entscheidende Frage nicht darin, ob ein Journalist eine Meinung vertritt oder nicht, sondern ob er diese Meinung seinen Lesern ehrlich mitteilt oder vor ihnen versteckt. Entscheidend ist, ob die Fakten, die ein Journalist vermittelt, wahr sind.

An dieser Stelle kritisiert Greenwald, der, was auch im Interview selbst thematisiert ist, kein klassisch gelernter Journalist, sondern studierter Jurist ist, das Rollenverständnis von Journalisten. Mit dieser Einschätzung stimme ich überein. Als subjektive Persönlichkeiten können Journalisten in ihrer Arbeit keine vollkommene objektive Wirklichkeit abbilden (gibt es dieser überhaupt?). Auch in der Wissenschaft ist der Einfluss des Beobachters auf die Beobachtung an sich ein Thema. Journalisten sollten sich von der Vorstellung, sie könnten lupenreine Objektivität transferieren, lösen. Stattdessen ist eher ein kritischer Rezipient gefragt, dessen Verantwortungsgefühl bisher in meinen Augen im Durchschnitt noch nicht ausgeprägt genug ist.

Das Internet gab uns das große Versprechen der Befreiung und der Demokratisierung. Die Menschheit sollte mithilfe offener und freier Kommunikation die Macht haben, gemeinsam Machtmissbrauch zu bekämpfen. Die Bürger sollten sich ungehindert vernetzen können, um Ideen auszutauschen und die Grenzen der menschlichen Freiheit zu erweitern. Der Überwachungsstaat ergreift nun die Macht im Netz. Er will dieses Werkzeug der Freiheit in sein Gegenteil verkehren, in ein Werkzeug der Überwachung und Kontrolle. Wir stehen an einem Scheideweg.

Ergänzend: Dieses erwähnte Versprechen entstand erst im Laufe der Entwicklung des Internets, durch den Akt der Benutzung und durch die Benutzer. Die Wurzeln liegen hingegen eher in einer akademischen, teils gar militärischen Vernetzung von Forschungseinrichtungen.

Bildrechte: Gage Skidmore

Advertisements

3 Gedanken zu “Glenn Greenwald und der Journalismus

  1. Hat dies auf Treuer Feind und Companion rebloggt und kommentierte:
    Die Diskussion über die heutige und die zukünftige Rolle des Journalismus wird immer lauter. Vom Niedergang ist die Rede, von verschwindender Notwendigkeit. Andersherum auch von wachsender Notwendigkeit aus denselben Gründen. Glenn Greenwald traf in diesem Spiegelinterview, aufbereitet von Benjamin Schaller in seinem Blog „inwiefern“, gleich mehrere Nägel auf den Kopf und nennt Ursache und Wirkung anhand des Beispiels staatlicher Medienüberwachung.

  2. Pingback: Glenn Greenwald und der Journalismus | Treuer Feind und Companion

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s